Krötenkarneval

Krötenkarneval

Markus A. Hediger: Krötenkarneval – Autobiographische Fiktionen
ISBN 978-39523236-5-6, 160 Seiten, Gallimard-Paperback












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Der Autor dieser “Autobiographischen Fiktionen”, als Sohn protestantischer Missionare aus der Schweiz in Brasilien geboren und aufgewachsen, wandert nach 17 Jahren Zwischenaufenthalt in der Schweiz wieder nach Brasilien aus. Die Rückkehr ins Land seiner Kindheit weckt Erinnerungen. Es ist ein Wiedereintauchen in eine andere Sprache, ein anderes Land und auch eine Wiedebegegnung mit der starken religiösen Prägung, von der er sich über Jahre in einem nicht schmerzfreien Prozess emanzipiert zu haben meinte. Viele bewältigt geglaubte Konflikte brechen erneut auf, da ihnen am früheren Ort des Geschehens nicht mehr ausgewichen werden kann.

Die neue Geographie, so scheint es, erfordert auch eine neue Biographie. Inspiriert von der Form der bekenntnishaften Kolumnen, die Nelson Rodrigues in den Jahren 1967/68 unter dem Titel “A Cabra Vadia” (Die herrenlose Ziege) in Brasilien veröffentlichte, macht sich der Autor daran, seine Biographie aus den Bruchstücken der Erinnerung zu rekonstruieren. Jedes Erzählen aber, so wird schnell deutlich, ist ein Neuerfinden, die erzählte Person wie auch ihre Biographie letzlich eine Fiktion. Die literarische Figur des Autors in diesem Buch trägt nur zufällig den gleichen Namen wie der Autor.

Leseprobe

Wir langweilten uns

1
Bestimmte Ereignisse müssten sich in unsere Erinnerung mit allen Details einbrennen, und es müsste eine Sprache geben, die lückenlos darüber zu berichten weiß. Manches verdienen wir so zu erinnern, dass wir es nie vergessen. Es war im Jahr 1974, meine Eltern waren außer Haus, in der Kirche bei einer Taufe. Ich sehe mich allein zu Haus, was sicher nicht zutrifft. Meine Eltern waren alles andere als leichtsinnig. Aber irgendwie gelang es mir an jenem Nachmittag, mich unbemerkt in den Garten zu schleichen. Wenig später kletterte ein älterer Nachbarsjunge über die Mauer. Ich sehe mich mit ihm unter einem großen, schattigen Baum. Wir langweilten uns.

2
Wahrscheinlich um meine eigene Schuld an den folgenden Ereignissen zu mindern, habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, die sie auslösende Idee dem Nachbarn zuzuschreiben. Einige Wochen zuvor hatten meine Eltern von einer tief im Busch lebenden Familie ein mit einem dünnen Seil an einen hohlen Baumstamm gebundenes Aguti als Geschenk erhalten. Ein seltsames Tier mit geringem Unterhaltungswert für einen Knaben, der damit nichts anzufangen wusste.

3
Meine Vorlieben lagen ganz woanders. Ich liebte das Feuer, und mit dieser Leidenschaft für Flammen erkläre ich mir auch, weshalb ich sofort begeistert war von dem Vorschlag des Nachbarnjungen, das Tier anzuzünden. (Diese ausgeprägte Liebe zu allem Knisternden, Rauchenden, Züngelnden lässt mich jedoch an der Behauptung zweifeln, diese unsägliche Idee sei nicht von mir ausgegangen. Wie auch immer:) Der ältere Freund band das Tier von seinem Baumstamm los, ich holte Kerosin und Streichhölzer.

4
So knapp ich dies hier erzähle, so undeutlich erinnere ich mich an die Details dieser Grausamkeit. Gar nicht erinnere ich mich an das, was folgte, was gefolgt sein musste: daran, wie das Tier in Flammen aufging, wie es – vom Schmerz wild geworden – sich aus unserem Griff befreite und davonschoss. Ich mache mir Vorwürfe deswegen, fühle mich schuldig, weil ich mich an das von mir verursachte Leid nicht in allen Einzelheiten erinnern kann. Ich rieche nicht das verbrannte Fell, sehe das leidende Tier nicht vor mir, höre nicht seine Agonie. Ich weiß nicht einmal mehr, welche Laute ein Aguti von sich gibt. Wäre in der Sprache ein Fünkchen Gerechtigkeit, vergegenwärtigte sie mir jedes einzelne dieser Details.

5
Woran ich mich erinnere: dass ich in dem Moment, da das brennende Streichholz mit dem Kerosin in Kontakt trat, mir der Ungeheuerlichkeit dessen bewusst wurde, was ich da soeben getan hatte. Ich rannte in das Zimmer meiner Eltern, setzte mich auf das große Bett und wartete auf ihre Rückkehr. Es war, so weit ich mich erinnern kann, das erste Mal, dass ich bestraft werden wollte. Ich musste bestraft werden, nicht weil ich etwas Verbotenes, sondern weil ich etwas Ungeheuerliches getan hatte.

6
Wenn ich den Erinnerungen meiner Mutter glauben darf, wurde ich nicht bestraft. Vielleicht, weil ich später mitansehen musste, wie sie Wundsalbe auf die große Fläche weggebrannten Fells auftrug und wie das Tier trotz aller Bemühungen wenige Stunden später starb.

7
Sieben oder acht Jahre später sah sich meine Mutter in einer ähnlichen Situation, wieder mit einer Tube Pomade in der Hand, wieder Brandverletzungen behandelnd. Wieder hatte alles damit begonnen, dass ich alleine Zuhause geblieben war, wieder damit, dass ich meiner Leidenschaft fürs Feuer nicht hatte widerstehen können. Meine Freizeit verbrachte ich oft im Garten, wo ich kleine Lagerfeuer machte und darauf stinkende Suppen in alten Tintendosen kochte.

8
Wenn das Holz feucht war und nicht richtig brennen wollte, schüttete ich etwas Alkohol in die Flammen. Ich hatte zu diesem Zweck eine Technik entwickelt, die darin bestand, die geöffnete Flasche scharf vorwärts zu stoßen, so dass der Alkoholstrahl aus der Flasche hervorschoss und sie verließ, noch ehe der Alkohol auf das Feuer traf. Diesmal aber war die Flasche beinahe leer, so dass dem Strahl der nötige Druck fehlte: Der Alkohol entzündete sich, während er noch aus der Flasche tropfte. Das Feuer flammte in die Flasche hinauf, brachte darin den verdampften Alkohol zur Explosion. Das Feuer schoss aus der kleinen Öffnung, ich sah nur noch Flammen vor meinen Augen, ich warf mich ins Gras, wälzte mich darin, rannte schreiend heim und steckte meinen Kopf in einen Eimer Regenwasser. Bevor meine Augen zuschwollen, überprüfte eine geistesgegenwärtige Nachbarin meine Sehfähigkeit. Sie legte Eis auf und ließ meine Eltern kommen.

9
Wie sich später herausstellte, war vor allem die linke Gesichtshälfte vom Feuer getroffen worden. Kurz nach dem Unfall schwoll sie zur Größe eines Basketballs an und es dauerte zwei Wochen, bis die Schwellung zurückging und ich mich wieder unter die Leute wagte. Das Merkwürdigste aber: die Verbrennung tat nicht weh. Zu keinem Zeitpunkt verspürte ich Schmerzen. Lediglich wenn ich den Kopf senkte und Blut in die Schwellung schoss, klopfte es unangenehm in meinen Wangen.

10
Sprache ist nicht der Detailtreue verpflichtet, sondern dem Vergleich. Sie zieht Schlüsse, indem sie frühere Erfahrungen und angeeignetes Wissen herbeizitiert. Sprache erkennt Gemeinsamkeiten und setzt so verschiedene Dinge in Beziehung zueinander.

11
Sprache verleitet aber auch zu Vergleichen, wo diese ungerechtfertigt sind. Das Aguti ist tot. Ich nicht.

© Markus A. Hediger (2008)
© Edition Neue Moderne (2008)

Hörprobe

Markus A. Hediger liest aus: “Krötenkarneval” – “Patricia hieß die erste Liebe”

Markus A. Hediger liest aus: “Krötenkarneval” – “Wir langweilten uns”