Ein anderes Blau

Ein anderes Blau

Benjamin Stein: Ein anderes Blau
ISBN 978-39523236-4-9, 116 Seiten, Gallimard-Paperback

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In einer Großstadt bricht ein Bus durch die Straßendecke hindurch in einen U-Bahn-Tunnel. Mehrere Menschen sterben. Zwei von ihnen – ein Mann Mitte Dreißig und eine junge Frau – können erst nach Wochen geborgen werden. Unterdessen fristen die beiden eine Existenz in einem scheinbar zeitlosen Reich zwischen Leben und Tod, Träumen und Ahnungen, Tanz und Taumel. Sie finden sich wieder in der dünnen Wand zwischen zwei Wohnungen, einem leeren Raum zwischen zwei fremden Leben, in dem nur sie sich bewegen können. In Enge und mitunter in Furcht versuchen sie, sich noch einmal selbst in die Seele zu gehen und den Abschied hinauszuzögern, den Abschied von ihren Irrtümern und sorgsam verborgenen Gefühlen, liebevollen und erschreckenden Erinnerungen. Und wenn sie auch nicht umkehren können, verändert sich auf dem letzten Stück Wegs doch noch einmal ihr Leben und das der Menschen zu beiden Seiten der Wand – auf magische Weise und unbemerkt vom lebendigen Rest der sie umgebenden Welt.

Eine Besprechung dieses Artikels finden Sie auf Hanging Lydia

Leseprobe

/Richard/ “Im Café ‘Kastanie’, sicherlich, verriet ich dich und du auch mich.” Das wirst du mir immer vorsagen, und ich kann nur nicken. Ich nenne dich Julia, auch wenn ich nicht Winston bin und mich vor Ratten nicht fürchte. Jetzt willst du wissen, warum ich das Schweigen erfinden mußte unter dem roten Schirm in der kleinen Passage. Und ich weiß dir darauf doch keine wahrere Antwort als die Erfindung selbst.

Heute bin ich in meinem Korsett aus Beton und Stahl freier als jemals zuvor. Ich sehe das Mädchen, das mich entführt hat, weil ich es so wollte und das gegen die Kälte antanzt mit einer Verführung. Es ist nur ein Aufenthalt zwischen zwei Orten auf einem Bahnhof ohne Gleis. Wenn wir uns langweilen sollten, werden wir sicher zu sprechen beginnen, mit uns, miteinander, mit der Wand oder dem, was dahinter nichts von uns ahnt. Die Zeit wird wie im Flug vergehen, schweben und stehenbleiben, wie es uns gefällt.

Ich kann meinen Kopf zur Seite drehen und mit meinem Blick aus der Wand treten. Ich bin von Frauen umstellt, wirst du sagen. Auch dort sitzt ein Mädchen, das wie du nichts von mir weiß. Sie geht zum Klavier und öffnet den Deckel. Vielleicht will sie spielen, vielleicht nur die Tasten betrachten. Sie könnte ahnen, daß ich ihr zusehe. Aber ich atme nicht einmal und hänge fest in der Wand. Da kann sie nichts hören.

Sie beginnt mit Fingerübungen. Das sind erst sehr einfache Figuren für eine Hand, langsam und leise, dann schnellere Reihen mit wechselnden Metren in den Stimmen. Die zweite Hand setzt ein. Sie übt einen weicheren Anschlag, ein stilles Tremolo. Das gefällt ihr: ein Fragen und Antworten mit wechselnden Händen.

Sie verbirgt etwas, doch während sie spielt, kann sie es ganz vergessen. Oder sie gräbt es ein oder wirft das Geheimnis wie einen Ball von einer Hand in die andere und hofft, der Jongleur in ihr weiß, was er will, und hat die Übung gut gelernt und läßt den Ball nicht fallen.

Ich kenne das Stück. Hanna hat es so oft gespielt, daß ich jeden Ton an seinem Vorgänger erkenne. Sie war ein ehrgeiziges Mädchen mit ruhigen Händen voller Flucht und Kraft. Meiner großen Schwester gehörte der runde Stuhl vor dem Klavier, auf dem man Karussell fahren konnte. Es war ihr Stuhl und ihr Klavier, und sie selbst gehörte nur sich und ein wenig auch mir, aber nur am Nachmittag, wenn sie das große Heft mit der lustigen Schrift aufschlug: Punkte und Bögen und verschlungene Zeichen auf schwarzen Linien.

Ich fand den Namen albern. Béla Bella, habe ich immer gesagt. Sie konnte schon lesen, ich nicht. Vom Titel verstand ich nur Kosmos. Das ist, wo die Sterne sind, hat Hanna gesagt. Er fängt überall an und hört niemals auf. Das hatte sie in der Schule gelernt, sehr geheimnisvoll, weil die Sterne doch nur Musik machten, wenn Hanna auf dem Karussellstuhl saß und das rote Band von den Tasten wischte.

Der Kosmos hat wirklich kein Ende. Als sie das große Heft auswendig spielte, bekam sie ein neues. In der Mitte des dritten Heftes kam ich zur Schule, und vom fünften Heft kenne ich nur wenige Stücke. Sie mochte es nicht mehr, wenn ich ihr zusah. Sie wollte die Sterne für sich und fand es komisch, daß ihr Bruder ihre Hände liebte. Das sechste Heft kaufte sie sich selbst. Das war an dem Tag, als das Klavier aus dem Wohnzimmer fortging. Ich durfte den Stuhl behalten. Sie saß jetzt auf einer Bank, weil sie manchmal vier Hände brauchte und ich zu ungeschickt war, um ihr zu helfen.

Ich habe sie oft besucht, aber in die sechste Halle der Sterne durfte ich nur hinein, wenn sie schon jede Sonne mit Namen kannte und das Buch nicht mehr brauchte, um die Geschichten zu erzählen. Sie hatte viele Hefte, ein ganzes Regal voll. Aber die Sterngeschichten lagen immer auf einem kleinen Tisch neben dem Klavier. Wenn man sie aufschlug, mußte man vorsichtig blättern, sonst fielen sie auseinander.

Einmal schickte sie mich fort. Sie ging im Bademantel durchs Zimmer und hatte getrunken. Sie hatte ganz viele Heftseiten kopiert und aneinander geklebt und zog das Band über den Notenständer, rechts und links auf dem Boden ein weißer Berg voller schwarzer Sterne mit Schweif. Der linke Berg mußte wachsen, bis rechts alles abgetragen war. Die Milchstraße ging mitten durchs Zimmer, mitten durch sie hindurch.

Als sie das Band in den Müll stopfte, waren zwei Wochen vergangen. Ich kann es nicht mehr vergessen, hat sie gesagt: Jetzt fange ich an zu spielen. Wenn du willst, darfst du zuhören.

Lange habe ich geglaubt, was immer sie spielte, wären nur Variationen über einen Ton aus dem »Mikrokosmos«. Davon hatte ich selbst viel in mir. Aber ich konnte nicht spielen. Die Musik fängt erst hinter den Sternen an, davor ist nur Klingeln. Wenn sie mir etwas erzählte, war ich stumm.

So ist es immer geblieben. Ich kann nur hören und sehen und nach einer Hand greifen. Meine Geschichten von Sternen gehören anderen. Ich selbst habe nichts. Ich bin der Dieb unter euch und stehle mit Augen und Ohren, jeden Ton, jede Geste und am Ende das Herz.

© Benjamin Stein (2008)
© Edition Neue Moderne (2008)

Hörprobe

Benjamin Stein liest aus: “Ein anderes Blau”

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